BRIC-Special: Brasilien - Mehr als Karneval und Caipirinha
Unter der Abkürzung BRIC sind Brasilien, Russland, Indien und China zum Synonym für Wachstum geworden. Seit der Jahrtausendwende entwickeln sich diese Länder zu aufstrebenden Volkswirtschaften. Mit der Wirtschaft wächst auch das Verkehrsaufkommen und damit das Bedürfnis nach einer besseren Infrastruktur. In einem vierteiligen Special zeigt Compass, was die einzelnen Länder bewegt. Den Anfang macht Brasilien.

- (c) Riotur/Pedro Kirilos
Lange Kolonnen ziehen sich vom Flughafen São Paulo gen Innenstadt. Dicht an dicht kommen die Karosserien nur langsam voran. Szenen wie diese gehören in Brasilien zum Alltag dazu. Über Hunderte von Kilometern "Stop and Go" beherrschen das Straßennetz der Großstädte täglich. Es existieren zu wenige Straßen für die immer gewaltigeren Massen an Verkehr.
"In den Entwicklungsländern wächst die Zahl der Menschen, die in die Mittelklasse aufsteigen, exponentiell. Dadurch steigt auch die Zahl derer, die über ein größeres Einkommen verfügen, sodass sie sich ein eigenes Fahrzeug leisten können", sagt Franck Leveque, Vice President Growth Consulting bei der Unternehmensberatung Frost & Sullivan. "In Brasilien kamen im Jahr 2010 auf 1.000 erwachsene Einwohner 146 Pkws, 2015 werden es schätzungsweise 156 sein." Mit rund sieben Prozent Zuwachs verläuft die Entwicklung der Autozulassungen im Vergleich zu den übrigen BRIC-Staaten relativ moderat: Für Russland sagt Frost & Sullivan eine Zunahme von knapp 24 Prozent voraus. Indien wird 2015 voraussichtlich über die Hälfte mehr an Pkw-Zulassungen verzeichnen, China sogar doppelt so viele (siehe Grafik). Doch woher bezieht Brasilien seine wirtschaftliche Kraft?


Stabil aus der Krise
Das Land ist reich an Rohstoffen: Es exportiert Agrarprodukte sowie Fleisch und gilt als der größte Lieferant für Eisenerz. Seine Vorkommen decken den weltweiten Eisenbedarf für die kommenden 500 Jahre. Und auch mehr als die Hälfte aller verarbeiteten Edelsteine und -metalle - darunter Silber, Diamanten und Gold - stammen von hier. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich um knapp vier Prozent gewachsen (siehe Grafik) und lag 2010 geschätzt bei 1.911 Milliarden US-Dollar. Selbst die Weltwirtschaftskrise konnte dieser Entwicklung nichts anhaben. "Brasilien ist während der Krise nicht so tief gefallen wie andere Nationen, weil der Inlandsmarkt 60 Prozent des BIP ausmacht", erklärt Oliver Döhne, Repräsentant der Germany Trade & Invest (GTAI), der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der deutschen Bundesregierung.
Vor 20 Jahren hätte das anders ausgesehen: Damals versank das Land im Chaos, es herrschten Hyperinflation und Staatsbankrott. Die Wirtschaft reagierte anfällig auf externe Schocks. "Um von dem ständigen Auf und Ab wegzukommen, legte die damalige Regierung unter Präsident Fernando Henrique Cardoso das Fundament für mehr Stabilität", sagt Döhne. Sie schuf eine unabhängige Zentralbank, deren primäre Aufgabe in der Bekämpfung der Inflation besteht, und baute ein solides Finanzsystem mit strengen Finanzmarktregeln auf. "Darüber hinaus hat die Regierung den Inlandsmarkt gestärkt, indem sie soziale Umverteilungen vorgenommen hat", so Döhne. Das festigte die Kaufkraft der ärmeren Schichten und kam so der gesamten brasilianischen Volkswirtschaft zugute. Heute kann das Land am Amazonas sein ganzes Potenzial entfalten und im Laufschritt zu den Industriestaaten aufschließen. Ein Thema, das dabei einen sehr hohen Stellenwert einnimmt, ist die Verkehrsinfrastruktur.
Staatlich versus privat
Brasiliens Straßen sind sehr heterogen: "Während der Betrieb und die Instandhaltung des konzessionierten Straßennetzes eine gute Qualität aufweisen, befindet sich der Rest in einem außerordentlich schlechten Zustand", berichtet Sideney Schreiner, Geschäftsführer von PTV Modelagem de Sistemas de Transportes. "Schlechte Bauweisen gepaart mit unzureichender Instandhaltung und starkem Verkehr - sowohl das Gewicht als auch das Volumen betreffend - verursachen ineffiziente und gefährliche Verkehrssituationen." Das hat eine hohe Anzahl an Verkehrstoten und niedrige Durchschnittsgeschwindigkeiten auf den staatlichen Hauptverkehrsstraßen zur Konsequenz.
Die Regierung weiß um diese Probleme und hat in den vergangenen Jahren kräftig in die Verkehrsinfrastruktur investiert. Allein 2010 flossen neun Milliarden US-Dollar in den Straßensektor. Dadurch verbesserten sich die Verkehrsbedingungen zwar merklich, aber noch nicht ausreichend: Im Jahr 1997 herrschten lediglich auf 7,9 Prozent der 41.867 Kilometer, die der Nationale Verkehrsverband (Confederação Nacional do Transporte, CNT) evaluiert hat, gute bis hervorragende Verkehrsbedingungen. Im vergangenen Jahr traf dies auf 41,2 Prozent von 90.945 evaluierten Kilometern zu.

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Blick auf die Autobahnen
Betrachtet man ausschließlich das Autobahnnetz, so fällt das Ergebnis düsterer aus: Hier bewertete die CNT die Verkehrsbedingungen bei lediglich 25,4 Prozent mit gut bis hervorragend. Das entspricht 23.149 Kilometer der von der CNT 2010 getesteten 90.945 Kilometer. "Das Ziel ist also noch lange nicht erreicht", kommentiert José Casadei, Leiter Presse und Kommunikation beim brasilianischen Infrastrukturverband ABDIB (Associação Brasileira da Infra-Estrutura e Indústrias de Base). Der Verband hat der Regierung daher geraten, die Investitionen in die staatlichen Autobahnen zu erhöhen und zugleich mehr Konzessionen an die Privatwirtschaft zu vergeben. Diese hätte die Möglichkeiten und Mittel, das Vorhaben umzusetzen. "Wir sind überzeugt, dass 12.000 Straßenkilometer mit Hilfe von Konzessionen oder Public Private Partnerships innerhalb von 30 Monaten erneuert werden könnten", sagt Casadei. Erfahrungen hätten gezeigt, dass diese Vorgehensweise weitere Vorteile mit sich bringt: So könnten das Steueraufkommen der Privatwirtschaft sowie die Sicherheit und der Komfort der Nutzer gesteigert werden. Zugleich käme die Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Ökonomie zugute.
Ganz ähnlich sieht es auch PTV-Verkehrsexperte Schreiner. Eine Erweiterung der Konzessionen müsste für ihn allerdings mit strikteren Regeln für die beauftragten Unternehmen einhergehen. "Die Planung und Umsetzung von Projekten, in denen es darum geht, Kapazitäten zu erweitern, dauern in der Regel zu lange. Und wenn das Projekt dann fertiggestellt ist, reichen die Kapazitäten oft schon nicht mehr aus, um die während der Umsetzungsphase gestiegene Nachfrage zu bewältigen", sagt er. Ein Teufelskreis.
Sportlich unterwegs
Als beschleunigende Faktoren für den Infrastrukturausbau erweisen sich zwei große Ereignisse, die Brasilien schon bald austragen wird: die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Dabei konzentrieren sich die Unternehmungen insbesondere auf die Kapazitätserweiterung der Flughäfen und den öffentlichen Personennahverkehr. "In São Paulo beispielsweise ist keiner der öffentlichen Flughäfen an das Schienennetz angebunden. In jeder europäischen Großstadt gehört das zum Standard", sagt Döhne, der die verschiedenen Bauvorhaben in der Studie "Brasilien 2014/2016" untersucht hat. So plant São Paulo unter anderem einen Expresszug zwischen Stadtzentrum und dem internationalen Flughafen Guarulhos. In Manaus entsteht eine Monorailbahn. Anderorts wird es eher auf Buskorridore mit modernen Bussen hinauslaufen, die an ein modernes, elektronisches Leitsystem angebunden sind.
Insgesamt erwarten die Experten, dass der Stadtverkehr in den gastgebenden Metropolen nachhaltig von den Erneuerungen aufgrund der beiden Sport-Events profitieren wird. "Ein Großteil der Autofahrer wird auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, da diese eine kürzere Fahrtzeit und komfortableres Reisen bieten", gibt Schreiner einen Ausblick. "Und auch der Fernverkehr wird gewinnen: Denn die Nachfrage nach Inlandsflügen ist groß. Durch die größeren Kapazitäten an den Flughäfen werden die Fluggesellschaften das Angebot ausweiten und die Preise senken können. Das verlagert den Verkehr weg von der Straße." Laut einer Studie des brasilianischen Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung IPEA (Instituto de Pesquisa Econônomica Aplicada) liegt die Zielvorgabe für 2014 bei einer 57-prozentigen Kapazitätssteigerung, von 94,5 Millionen Passagieren pro Jahr hin zu 148,7 Millionen. Doch auch hier zeigt die Studie, dass bei Fertigstellung die Nachfrage das Angebot bereits übersteigen wird.
Bewusstsein für das große Ganze
Da stellt sich die Frage, wieso man nicht gleich passend plant und baut? "In Brasilien haben Verkehrsplaner mit zwei Herausforderungen zu kämpfen: Technologie und Daten", erklärt Schreiner. "Oftmals kommen veraltete Technologien zum Einsatz, die auf überholten Nachfragemodellen basieren." Darüber hinaus würden sich die Daten als unzuverlässig und sehr kostspielig erweisen. Die Folgen spüre man überall im Land - sowohl ökonomisch als auch sozial. Den meisten Städten fehle es an fundierten Masterplänen für ihren Verkehr. Anstrengungen würden üblicherweise unternommen, um bestehende oder drohende Probleme zu lösen. Planungen zur Bewerkstelligung zukünftiger Szenarien seien rar gesät. PTV arbeite daran, mehr Bewusstsein für diese problematischen Aspekte zu schaffen. "Training und Support, die meist mehr umfassen als die einfache Anwendung der Software, sind sehr gefragte Services", berichtet der Verkehrsexperte der PTV. "Unsere Kunden erhalten hierbei Schulungen für modernste Techniken der Verkehrsmodellierung, die sie dann für ihre Projekte in ganz Brasilien nutzen können."
Und wie sieht es mit dem Güterverkehr aus? Brasiliens Schienennetz ist rückständig. Regional variiert die Infrastruktur sehr. Vor allem das Amazonas-Gebiet im Norden ist schlecht angebunden. "Lufttransporte haben in den vergangenen Jahren zugenommen und sich als effiziente Verbindung zwischen dem Norden und dem Rest des Landes erwiesen", sagt Schreiner. Daneben gewinnen Wasserwege immer mehr an Bedeutung. "Ich glaube, dass dies für die Region auch der gangbarste Weg ist. Denn die Instandhaltung von Straßen, besonders im Regenwaldgebiet, ist aufwändig und teuer."
Um die hohen Logistikkosten zu senken und so das Wirtschaftswachstum weiter zu fördern, plädiert Schreiner für ein flächendeckendes effizienteres, integriertes und multimodales Netzwerk, das bereits bestehende, lokale Straßen mit regionalen Wasserwegen und Flughäfen verbindet. Fakt ist: Wenn Brasilien es schafft, seine Verkehrsinfrastruktur zu optimieren, kann das Land auch wirtschaftlich noch mehr wachsen. "Räumt es darüber hinaus auch noch weitere Defizite wie beispielsweise im Bildungssystem, bei Innovationen und Bürokratie aus, könnte Brasilien bestimmt zwei weitere Prozentpunkte an Wachstum hinzugewinnen", resümiert Wirtschaftsexperte Döhne.
Brasilien in Bildern

- Pão de Açucar. (c) Riotur/Pedro Kirilos

- Bondinho de Sta Teresa. (c) Riotur/Pedro Kirilos

- Karneval in Rio de Janeiro. (c) Riotur/Eliane Carvalho

- Metro in Rio. (c) Riotur/Pedro Kirilos

- Ipanema. (c) Riotur/Pedro Kirilos


